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Bilanz

Historisch-dialektische Analyse einer Selbstfindung

prolog
abend, feierabend, sommerabend, sonnenabend, die hitze des tages klebt noch an den dächern und mauern, ein gedanke schleppt sich müde nach hause, wortfetzen, selbstlaute, konsonanten umschwirren ihn wie lästige fliegen, und im licht der sinkenden sonne verdichten sie sich zu bildern.

analyse
es war ein wolkenverhangener, griesgrämiger juniabend, und nur die erinnerung wusste, wie himmelblaue, sonnenbelachte tage mit einem lüftchen in den bäumen aussehen, als sich die gedanken irgendwo in einem schäbigen hinterzimmer eines verrauchten wirtshauses versammelten, um bilanz zu ziehen.

einer las die traktandenliste, doch keiner fand in seinen gehirnwinkeln genügend lustsynapsen für eine historisch-dialektische analyse dessen, was längst von den chronisten in den furchen des weltenhirns gespeichert war.

so kam es, wie geschrieben steht: gehet hin in frieden. und auch: seelig die ungeborenen, denn sie werden das antlitz gottes sehen in der stunde ihres absterbens; denn sie werden IHN suchen, irrend in den zeitensträngen und weltengängen, bis der tod ihnen das tor öffnet, neben dem kafkas hüter steht.

prozess
in schmerzhaften gruppendynamischen prozessen um seinen platz in der hierarchie der funktionsträger ringend, verstrickt sich das ich in den unausgetragenen widersprüchen des systems, bis es schliesslich im sinne des fortbestandes desselben assimiliert oder eliminiert wird.

einkehr
über dem torbogen der johann-heinrich-kirche befand sich seit menschengedenken zwischen den ziegelsteinen ein faustgrosses loch, in dem jahr für jahr ein paar des gemeinen kirchenpiepsers nistete. da es der kirchenleitung aufgrund stetiger klagen der gläubigen schliesslich missfiel, dass die kirchgänger immer wieder durch die herunterfallenden ausscheidungen der vögel in ihrer sonntäglichen einkehr gestört wurden, wurde ein handwerker beauftragt, das loch im torbogen der kirche zuzumauern. seither wird die andacht der kirchenbesucher nicht mehr durch vogelkot beeinträchtigt.

äpfel
möglicherweise zur selben zeit, als isaac newton seine revolutionären betrachtungen über fallende äpfel anstellte, machte sein zu unrecht praktisch vergessener zeitgenosse und schulkollege benjamin john stopperfield entdeckungen, deren bedeutung für den psychischen zustand der menschheit erst in den kommenden jahrhunderten in ihrer vollen grösse wird erfasst werden können.

benjamin john stopperfield, der ungefähr dreissig war, als er in mittelengland ein kleines landgut mit einem grossen obstgarten erwarb, verbrachte den rest seines langen, von vielen nachkommen gesegneten lebens damit, sich dem studium der äpfel und ihres werdens und vergehens zu widmen.

es entbehrt nicht der tragik, dass ihm, der seinem berühmten zeitgenossen isaac newton nacheiferte und bedeutende entdeckungen zu machen glaubte, zeitlebens die geringste anerkennung seines schaffens, das, wie gesagt, selbst in der angebrochenen postmodernen ära noch kaum annähernd in seiner bahnbrechenden bedeutung erkannt und gewürdigt werden kann, versagt blieb.

forschung
dabei sind stopperfields entdeckungen so banal wie radikal. sie werden unser gesamtes denken und handeln (wenn wir ihre bedeutung einmal erkannt haben werden) rückhaltlos umwerfen und verändern: ein apfel, der gegessen wird, hat keine zukunft. ein apfel, der auf den miststock fällt, verfault und verliert seine zukunft. ein apfel, der am boden liegen bleibt, verfault, doch wenn die richtigen klimatischen und bodenmorphologischen umstände in quasi schöpferischer eintracht zusammentreffen, besteht eine statisch relevante wahrscheinlichkeit, dass aus dem verfaulten apfel wieder äpfel werden.

nun sind - und das ist das moment abgrundtiefster tragik und einmaliger herausforderung in dieser geschichte - fast alle aufzeichnungen von benjamin john stopperfield verloren gegangen. aufgabe einer - noch zu gründenden - benjamin-john-stopperfield-forschung also wird es sein, mit den modernsten zur verfügung stehenden mitteln dieses verloren gegangene wissen neu zu finden und die menschheit in ein neues zeitalter zu führen.

epilog
letztlich erzähle ich diese geschichte, weil sie für uns, die wir am PROJEKT engagiert waren und sind und sein werden, einen leisen trost enthält. solange nämlich nach benjamin john stopperfields vermächtnis gesucht werden muss, suchen wir alle, irrend in den zeitensträngen und weltengängen, ringend um unseren platz in der hierarchie der funktionsträger, beschmutzt vom kot der gemeinen kirchenpiepser, unermüdlich nach dem, was uns glücklich macht.


bruno bucheli
geschrieben am 29. juni 95 zu bern-west

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